Matthias Kegelmann, veganer Calisthenics-Athlet und Gewinner der Pullup-Competition beim Street Workout World Cup in Stuttgart, im Interview mit Kathrin

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Matthias Kegelmann im Interview

Hallo Matthias! Wir freuen uns sehr dich für unser Vegan Fitness Projekt interviewen zu dürfen. Wir haben in Stuttgart beim Street Workout World Cup deinen Auftritt gesehen und waren begeistert, wie du die Weighted Pullup Competition gewonnen hast. Ein starkes Zeichen dafür, dass man auch als Veganer im Sport nicht zurückstecken muss.

Gib unseren Lesern, die dich noch nicht kennen, doch zunächst ein paar Hintergrundinformationen über dich!

Wer steckt hinter dem fitten Sportler, den wir in Stuttgart auf der Bühne erleben durften?

Matthias: Ich bin Matthias Kegelmann, 25, lebe in Basel und bin Fitnesstrainer. Seit 9 Jahren mache Krafttraining, habe davor schon viel Vereinssport betrieben. Irgendwann hat mich das nicht mehr so gereizt und ich habe dann angefangen zusammen mit meinem besten Freund bei ihm zu Hause Übungen mit Langhantel, Kurzhantel und Bank zu machen. Klimmzüge waren natürlich auch schon dabei. Seit ich mich zurückerinnern kann, machte ich Klimmzüge, diese Bewegung liegt mir sehr gut.

Ein paar Eindrücke von Matthias auf Instagram

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Ein von Matthias Kegelmann (@plantaesthetics) gepostetes Foto am

Wie bist du zu Calisthenics gekommen?

Seit wann trainierst du und welche anderen Sportarten hast du zuvor bereits ausgeübt? Muss man als Kind bereits im Turnverein gewesen sein, um bei Calisthenics nicht komplett überfordert zu sein?

Matthias: Nach ca. 3 Jahren Training habe ich ein Video mit Hannibal for King gesehen, das hat glaube ich damals unglaublich viele Leute inspiriert. Zu sehen waren u.a. Muscle-Ups, Frontlever und Humanflag. Es hat mich sofort gepackt, also habe ich mehr auf diese Übungen trainiert. Die hatte ich dann auch bald im Repertoire und konnte weiter daran arbeiten, die Ausführung zu verbessern und weitere, schwerere Übungen zu lernen.

Calisthenics zeichnet sich meist dadurch aus, dass Leute gerade OHNE Turner-Hintergrund diese Übungen lernen und auch weder Trainer noch das Ganze Equipment einer Turnhalle zur Verfügung haben. Calisthenics ist ein Kraftsport, bei dem man mit seinem eigenen Körpergewicht arbeitet und sich progressiv zu schwereren Übungen hinarbeitet. Geduld und kluges Vorgehen helfen auf diesem Weg!

Was begeistert dich an Calisthenics?

Matthias: Ich mag sehr vieles an Calisthenics und auch am Gewichtstraining. Die Veränderung des eigenen Körpers, neue Ziele, die man sich steckt und dann erreicht und vor allem die Leidenschaft, die ich in diese Tätigkeit reinstecken kann. Ich trainiere einfach gerne. Mit allen Aspekten, die dazu gehören. Planen, Vorfreude auf fast jedes Training, den Körper spüren, sich achten, Essen nach dem Training, Muskelkater und zuletzt auch das Gefühl weiterzukommen. Es ist dieser unendlich lange Weg, der Wunsch sich gut zu fühlen, aber auch Verbesserungen und Anpassungen vorzunehmen. Am meisten freue ich mich auf die nächsten 50 Jahre Training!!

Wie sieht eine typische Trainingswoche bei dir aus?

Trainierst du nach einem Split-Plan? Wie sieht es mit der Trainingsintensität aus? Wie schmerzhaft darf oder muss ein Training sein? Welcher Trainingsreiz ist effektiv für dich – hohes Gewicht oder hohe Wiederholungszahl ? Wie trainierst du Explosivkraft und Maximalkraft?

Matthias: Als ich anfing, Krafttraining zu machen, kopierte ich gerne Trainingspläne aus dem FLEX-Heftchen, teilweise hatte ich einen 5er-Split mit vielen verschiedenen Übungen. Nicht optimal.

Momentan habe ich eine recht hohe Trainingsfreuquenz, in der ich 3-5x pro Woche Bewegungen für den Oberkörper mache, 2-3x pro Woche für den Unterkörper. Richtig, mit geht es darum Bewegungen ausführen und diese zu perfektionieren. Rein meine Muskeln zu trainieren, davon bin ich größtenteils abgekommen, obwohl sich ja beide Ansätze stark überschneiden.

Ich bin sehr zufrieden mit dem Training, so kann ich oft das machen, was ich liebe und auch die Ergebnisse sind zufriedenstellend.

Da ich oft trainiere, ist das Volumen pro Trainingseinheit nur mittel, ich konzentriere mich auf wenige Bewegungen. Ich versuche meine Kraft Schritt für Schritt aufzubauen, da gibt es keine Abkürzungen. Es zählt nicht so sehr das einzelne Training, sondern die Summe vieler Trainingssessions. Ich halte es für unnötig sich beim Training komplett „auszukotzen“, ich muss für den nächsten Tag wieder frisch sein, so konzentriere ich mich auf Qualität der Ausführung und beachte, dass es auf die gesamte Menge der verrichteten Arbeit ankommt.

Bruce Lee sagte ungefähr: „Long term consistency beats short term intensity.“ Ich mag gerne viel Widerstand, mein Hauptwiederholungsbereich sind 3-8 Wiederholungen, dass heißt, entweder ist das Gewicht schwer oder die technische Herausfordurung ist hoch. Dafür trainiere ich dann allerdings mit mindestens 5 Sätzen, damit ich genug Volumen insgesamt zusammen bekomme, zumal ich ja eher wenige Übungen mache.

Ich mag verhältnismäßig niedrige Wiederholungszahlen, bei über 10 Wiederholungen ist der Widerstand in meinen Augen fast zu gering für ein Krafttraining. Mein Training besteht also vor allem aus Grundkraft (kein sportwissenschaftlicher Begriff) und geht auch immer wieder in den Maximalkraft-Bereich. Diese zu verbessern hat den meisten Übertrag auf alle anderen Kraftarten, umgekehrt ist das nicht ganz so der Fall.

Explosivkraft trainiere ich nicht speziell, ich versuche allerdings immer eine „souveräne“ Geschwindigkeit bei dem konzentrischen Teil meiner Bewegungen zu haben. Was wirklich Explosivkraft ist, wird von vielen Leuten sowieso durcheinander gebracht;)

Wie hat sich die Szene in den letzten Jahren entwickelt?

Glaubst du dass Calisthenics der nächste Hype werden kann, nachdem die Freeletics-Welle gerade schon über uns gerollt ist? ... und warum gibt es eigentlich keine Mädels, die beim Street Workout World Cup antreten?

Matthias: Hype ist immer so ein Wort. Klar, die Calisthenics-Szene ist explodiert und wächst noch immer, aber es ist einfach eine äußerst sinnvolle und spaßige Art von Training. Langlebig.

Frauen sind weniger vertreten, da kann ich nur sagen, fangt an! Es ist auch für Frauen ein super Gefühl zu trainieren und einen starken Körper zu haben. Und eben auch einen starken Oberkörper! Keine Angst, man sieht deshalb nicht gleich wie Hulk aus, nur weil man als Dame 12 Klimmzüge schafft. Es gibt mittlerweile auch Frauen, die bei den Competitions antreten, allerdings braucht es sicher noch eine breitere Basis, damit mehr Spitzen-Athletinnen an Wettkämpfen zu sehen sind.

Was würdest du Einsteigern zum Beginn empfehlen...

...die vielleicht bereits sportlich aktiv sind aber bisher eher im Fitness-Studio trainieren? Für wen ist Calisthenics besonders geeignet und für wen vielleicht eher nicht so?

Matthias: Calisthenics ist für jede/n jeglicher Altersstufe und jeglichen Niveaus geeignet! Man sollte einfach erstmal die verrückten Moves aus dem Kopf kriegen und seine Fähigkeiten Schritt für Schritt aufbauen. Nicht vergessen: es ist ein Kraftsport, kein Zirkus! Man sollte also herausfinden mit welchen Übungen man anfangen kann, welche einen auch wirklich langfristig vorwärts bringen. Klimmzüge, Liegestütze, Dips und Kniebeuge sind fantastische Bewegungen, die man auch sehr variieren kann. Diese Basics immer pflegen!

Gibt es den geheimen Trick wie ich es ausgehend von meinen Pullup-Skills zum ersten Muscle Up schaffe?

Nein. Kraft bei den Klimmzügen erhöhen, stärker, höher und schneller ziehen. Die Transition üben.

Hand aufs Herz – kannst du die Humanflag?

... und da wir die Antwort schon absehen können: Und wie zum Teufel trainiert man darauf hin?

Matthias: Die Humanflag habe ich im Sommer 2010 gelernt… in 3-4 Wochen! Da zeigt sich auch wie wertvoll eine gute Kraftbasis ist. Dann kann man diese Skills üben und die Fortschritte kommen dementsprechend, wie clever man übt und von welchem Ausgangspunkt man startet. Der Knackpunkt bei der Humanflag ist allerdings nicht die Rumpfmuskulatur, sondern die Kraft und Stabilität im Schultergürtel: Die obere Hand zieht, die untere stützt/drückt.

Du wurdest auf der Bühne vom Moderator scherzhaft auch direkt als Veganer geoutet

... und hast gezeigt, dass auch ohne Fleisch und kiloweise Magerquark sportliche Erfolge zu feiern sind. Seit wann lebst du vegan und was hat dich zu dieser Entscheidung bewegt?

Matthias: Ich ernähre mich seit zweieinhalb Jahren vegan. Anfangs war ich an dem Plus von Gesundheit und Wohlbefinden interessiert, die eine vegane Ernährung mit sich bringen kann. Ich war positiv überrascht und zufrieden. Als ich mich daran gewöhnt hatte, öffneten sich meine Augen für die ethischen Aspekte der veganen Lebensweise: Tierleid und Umwelt. Ich setzte mich nun schon zwei Jahre aktiv für ein Umdenken in diesem Bereich ein. Mit unserer Gruppe www.basel-vegan.ch gehen wir flyern, machen Infostände zu dem Thema und klären die Leute über Fakten auf, zeigen Alternativen und beantworten Fragen. Mir ist dieses Engagement sehr wichtig!

Wie beinflusst die Ernährung deinen Sport oder umgekehrt?

Hast du einen speziellen Ernährungsplan, an den du dich hältst? Achtest du auf deine Makroverteilung oder bist du eher der intuitive Esser?

Matthias: Meiner Erfahrung als Sportler und Trainer ist, dass Ernährung bei sportlichen Erfolgen eine geringere Rolle spielt als meistens behauptet wird. Ernährung sollte ausgewogen, schmackhaft, praktisch und ethisch vertretbar sein. Alles Weitere ist Feintuning oder aber Hokuspokus.

Ich glaube aber, dass ich ohne den Kraftsport und die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Ernährung nicht so schnell auf das Thema Veganismus gestoßen wäre. Ich fühle mich frischer, habe mehr Energie und habe die Erleichterung, nicht mehr Teil des ganzen Tierleids zu sein, das mit Tierprodukten verbunden ist.

Im Fitness-Studio triffst du im Hantelbereich meist auf zwei Lager: die, die gerade bulken oder die anderen, die gerade cutten

Spielen diese Begriffe bei Calisthenics auch eine Rolle oder liegt der Fokus nicht eher ganzjährig darauf, funktionale Muskelmasse zu haben und ein passendes Verhältnis von Muskelmasse zu Körpergewicht zu halten. Der typische Calisthenics-Typ ist eher ganzjährig in Form?

Matthias: Das kommt ganz auf den Athleten an, in den Grundzügen stimmt es so, wie es in der Frage formuliert ist. Ich glaube, es ist ganz einfach eine Tatsache, dass man beim Calisthenics viel mehr auf Performance, also tatsächlich erbrachte Leistung achtet. Dem ordnet sich alles unter und man zerbricht sich nicht den Kopf über ständige Manipulation des Körpergewichts. Es pendelt sich meist bei einem „Wohlfühlgewicht“ ein, bei dem man sich am besten und am stärksten fühlt. Trotzdem wird’s je nach Ziel entsprechend Masse aufgebaut oder eben Körperfett reduziert.

Wie sieht bei dir ein typisches Frühstück, Mittagessen und Abendessen aus?

Ernährst du dich in intensiven Trainingsphasen anders?

Matthias:
Frühstück: gerne Obst, auch Cornflakes oder Müsli.
Mittagessen: Reis und Gemüse
Abends: Was auch immer. Der Nahrungsmittelpool sind Getreide, Hülsenfrüchte, Tofu, Gemüse. Manchmal auch einfach Brot.
Wie gesagt, Ernährung soll auch praktisch und schmackhaft sein. Ich koche gerne einfach. Mittlerweile gibt es hervorragenden veganen Döner in Basel!

Ich versuche besonders an Tagen ohne/mit weniger Training mehr zu essen, das fällt mir einfacher. Da ich jedoch ziemlich regelmäßig und häufig trainiere, sind die Unterschiede marginal. Ich denke, es macht auch bei der Ernährung Sinn eine gewisse Konstanz zu schaffen.

Zum Abschluss noch unser entscheidenden 20 Fragen in 20 Sekunden

  1. Tofu oder Seitan? Beides, häufiger Tofu
  2. Frühsport oder Spätsport? Spätsport
  3. Urlaub am Meer oder in den Bergen? Am Meer
  4. Laute Musik beim Training oder konzentrierte Stille? Meist keine Musik
  5. Übertraining – Wahrheit oder Mythos? Grosses Missverständnis
  6. Sojamilch oder Hafermilch? Beides
  7. Training auf nüchternen Magen, ja oder nein? Sicher nicht ganz voll, aber wann ist man schon wirklich nüchtern?
  8. Attila Hildmann oder Björn Moschinski? ;) NICHT A.H.
  9. Training in der Gruppe oder Einzeltraining? Meist einzeln, wenn gute Leute dabei sind ist eine Gruppe/Partner natürlich super
  10. High carb oder low carb? Sicher nicht Low Carb über genaue Zahle kann man sich streiten.
  11. Kochen oder kochen lassen? Kochen. Und Essen ;)
  12. Frank Medrano oder Brendan Brazier? Mich faszinieren eher Sportler aus dem Ostblock. Ich meine der Armdrücker und Bobanschieber Alexej Voevoda ernährt sich auch weitgehend vegan.
  13. Kaffee oder Tee? Tee, Wasser und Saft.
  14. Cheat Day, sinnvoll oder sinnlos? Idiotisch. Fitnessmode. Fast so blöd wie clean eating ^^
  15. Yoga oder Pilates? Yoga
  16. Stretching, machen oder hassen? Just.Do.It. Zielorientiert.
  17. Training vor dem Spiegel, peinlich oder praktisch? Macht Spaß, bei den Übungen selbst sollte man allerdings nicht unbedingt in den Spiegel schauen. Anschließend: Pump genießen;)
  18. Schokolade oder Chips? beides
  19. Sixpack bei Mädels – hot or not? Not, die meisten haben aber eh nur einen flachen Bauch, selbst wenn sie es dann schon Sixpack nennen.
  20. Burpees – liebe oder lieber lassen? Lieber lassen

Vielen Dank Matthias für deine Zeit!


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